2208

Gemeinsam Wohnen am Lechpark

„Wohnquartier an der Berliner Allee“ in Augsburg. Städtebaulicher und landschaftsplanerischer Realisierungswettbewerb zur Errichtung bezahlbarer Wohnungen im Modellvorhaben „Klimaanpassung im Wohnungsbau“. 1 Rang, 2022

2208

Gemeinsam Wohnen am Lechpark

„Wohnquartier an der Berliner Allee“ in Augsburg. Städtebaulicher und landschaftsplanerischer Realisierungswettbewerb zur Errichtung bezahlbarer Wohnungen im Modellvorhaben „Klimaanpassung im Wohnungsbau“. 1 Rang, 2022

bK, in Zusammenarbeit mit lpundh Architekten und Welsner Landschaftsarchitekten. Auftraggeber: Stadt Augsburg, StadiBau München

 

Konzept - Strategie ‘as found‘
Der städtebauliche Entwurf leitet aus den westlich angrenzenden Siedlungsstrukturen wiedererkennbare Maßstäbe ab, innerhalb derer die neuen Baufelder als eigene Adressen erfahrbar werden. Verschiedene Teilquartiere werden in Form von „Blöcken“ wie urbane Inseln in die Landschaft eingebettet. Mit einer klaren Raumkante nach Westen und den inneren Quartiersräumen in Form von Straßen, Gassen und kleinen Platzräumen sowie kleinteiligen Freiraumstrukturen in den „Innenbereichen“ der Höfe. So ergibt sich eine Gliederung des neuen Quartiers in Teilräume und einzelne Nachbarschaften. Diese sind als fünf Bausteine von der Berliner Allee zu lesen – und verzahnen sich als kleinteilige Bebauung vielfältig mit dem Freiraum am Lech. Beginnend im Süden, als Adresse zur Stadt, startet die Entwicklung zunächst unter Beibehaltung der Flussmeisterei. Die Baufelder sind als Ganzes oder realgeteilt denkbar. Aus dieser Logik lässt sich auf das Ganze schließen –  robust zu realisierende Abschnitte, die eine Aneignung durch die Nutzerinnen und Nutzer der Freiräume zulassen und eine Anpassung an den Bedarf ermöglichen.

Klimaanpassung im Städtebau
Durch den großflächigen Erhalt vorhandener Bäume, durch die sinnvolle Ergänzung der ortsprägenden Grünstrukturen und ihre Verzahnung mit neu entstehenden grünen Innenhöfen, durch den Verzicht auf eine Unterbauung dieser Höfe (keine Tiefgaragen), durch die gezielte Öffnung von Ost-West-Verbindungen zur Querlüftung zwischen den Baufeldern, durch die Öffnung der Wohnhöfe zum Lech und dessen kühlerem Microklima hin, durch das Schaffen von Baustrukturen die in den Innenhöfen über den gesamten Tagesverlauf Schattenzonen erzeugen, durch eine Baustruktur die unter Ausnutzung der vorhandenen Topografie aus allen Bereichen hindernisfrei zum Lechpark Oberflächenwasser ableiten kann und nicht zuletzt durch die Ausbildung von offenen Gerinnen und Retentionsmulden in Ergänzung mit Baumrigolen in den öffentlichen Quergassen und gemeinschaftlichen Innenhöfen – fügt sich der Städtebau unter Berücksichtigung sich verändernder klimatischer Rahmenbedingungen in die örtliche Situation zwischen Berliner Allee und Lechpark ein.

Klimaanpassung im Hochbau
In Ergänzung zu den beschriebenen städtebaulichen Maßnahmen leisten auch die geplanten Hochbauten ihren Beitrag zur Klimaanpassung des Quartiers auf mehreren Ebenen: Von der passiven Verbesserung des Microklimas durch Verdunstungskühle im gebäudenahen Bereich in Form von partiellen Fassadenbegrünungen und durchgängigen extensiven Retentionsdächern über die konzeptionelle architektonische Einbindung von horizontalen und vertikalen Sonnenschutzstrukturen in Fassaden und Dachterrassen und die Ausbildung von verschatteten wohnungsbezogenen Außenräumen bis hin zur aktiven zisternengepufferten Regenwassernutzung für alle intensiven Grünstrukturen und die langfristige bauliche Bindung von CO2 in wirtschaftlich optimierten Holzhybridkonstruktionen sowie sinnvoll eingesetzten holzbasierten Dämmstoffen. Ergänzt werden diese baulichen Maßnahmen durch ein klimaneutrales Energiekonzept mit großflächiger PV-Nutzung auf Dächern und an Teilflächen der Fassaden in Kombination mit einem quartiersübergreifenden geothermischen kalten Nahwärmenetz und der Kopplung von PV-gespeisten dezentralen Wärmepumpen. Ökologisch unbedenkliche Salzwasserspeicher zur Energiepufferung in Kombination mit einer gemeinschaftlichen intelligenten Ladeinfrastruktur für Elektromobilität ergänzen das Energiekonzept als zentraler Bestandteil in den Ankergebäuden der Baufelder und erhöhen damit den möglichen Autarkiegrad des Quartiers. Als zusätzlicher Beitrag zur Erhaltung und Verbesserung der urbanen Biodiversität werden die partiellen Fassadenbegrünungen ergänzt durch gebäudeintegrierte Nistkästen und extensive Bereiche mit insektenfreundlichen Magerwiesen.

Die Ankeridee, Rückgrat einer nachhaltigen Nachbarschaft
Gemeinschaftliche Flächen für Spiel, Erholung, Freizeitaktivitäten und Urban-Gardening befinden sich in den Innenhöfen und auf den Dachgärten der Ankergebäude und werden ergänzt durch die öffentlichen Naherholungsangebote des Lechparks. Die dreistufige Nachbarschaftsstruktur beginnt in der Hausgemeinschaft des eigenen Treppenhauses dehnt sich über das Baufeld mit Ankergebäude und Innenhof aus um dann auf Quartiersebene mit Gemeinschaftsräumen im zentralen Quartiersankergebäude der Kita eine übergeordnete Kommunikationsplattform zu erhalten. Das blockweise gemeinschaftliche Parkierungskonzept für MIV und Fahrräder schafft zusammen mit einem Quartiersübergreifenden Carsharing- und Bikesharingangebot größtmögliche Synergieeffekte in der Mobilitätsstruktur der neuen Nachbarschaft. Neben der Unterbringung des ruhenden Verkehrs und zentraler Elemente des Energiekonzeptes sowie der hofweisen Bereitstellung einer zentralen Müllentsorgungsinfrastruktur in ihren Untergeschoßen dienen die Ankergebäude auf Blockebene mit ihren teilweise überdachten und mit flexiblem Sonnenschutz sowie festen Verschattungen aus PV-Deckung ausgestatteten Dachgärten genauso wie die Innenhöfe mit ihrem fließenden Übergang aus privat und gemeinschaftlich genutzten Freibereichen das Rückgrat einer sozial und ökologisch resilienten Nachbarschaft. Darüber hinaus sind die anfangs für Parkierung genutzten Geschosse der Ankergebäude typologisch und konstruktiv so konzipiert, dass sie bei einer erwartbaren perspektivischen Reduktion des Stellplatzbedarfes zu gewerblichen Flächen oder zu Wohnungsbau umgenutzt werden können. Das blockübergreifende Quartiersankergebäude der Kita kann in Nutzungsergänzung genauso wie in Doppelnutzung durch versetzte Nutzungszeiträume auf einfache und wirtschaftliche Art ein Quartierszentrum als zentraler dreh und Angelpunkt für die größere Nachbarschaft bilden.

Baustruktur und Fassade
Nachhaltige, weil nutzungsneutrale, Grundstrukturen der Gebäude in Massivbau oder Holzmassivbau werden durch leichte vornehmlich holzbasierte Sekundärstrukturen ergänzt und geben unterschiedlichsten Nutzungstypologien Raum. Wo unbedingt notwendig wird Recyclingbeton eingesetzt. Dämmstoffe und Fassadematerialien sind reversibel gefügt und greifen wo möglich auf ökologische Baustoffe zurück. Fassaden- und Dachflächen werden, wo immer sinnvoll, begrünt und zur Energiegewinnung genutzt. Die Verbesserung des Microklimas im gebäudenahen Bereich sowie die intensive Mehrfachnutzung von Bauteilen und Flächen stehen dabei genauso im Zentrum wie die Reversibilität und Fähigkeit zur Adaption im Kontext sich verändernder Nutzungsansprüche und Klimabedingungen.

Wassermanagement
Das überschüssige Niederschlagswasser von Belagsoberflächen und  Retentionsdächern wird über offene Rinnen in den Gassen als klimatisches und gestalterisches Mittel sichtbar in Zisternen geführt. Der Verbrauch von Trinkwasser wird minimiert, indem dieses Wasser für Grauwasser und Gartenbewässerung verwendet werden kann. Die Überläufe der Zisternen werden verzögert in die vertieften, multifunktionalen Grünflächen des Lechparks abgeführt und können dort großflächig versickern bzw. verdunsten.

Quartiersversorgung
Für die energetische Versorgung der neuen Gebäude bietet der Quartiersmaßstab die effizienteste Oranisationseinheit. Ein kaltes Nahwärmenetz im öffentlichen Raum mit dezentralem Temperaturhub auf Nutzniveau kann durch ein photovoltaikgespeistes und über einen zentralen Speicher gepuffertes Stromnetz ergänzt werden. Die zentralisierte und intelligent gesteuerte Integration von Elektromobilität vervollständigt das System. In den einzelnen Baufeldern werden alle  Dachflächen, entweder zur Solarenergiegewinnung genutzt, oder im Sinne eines urban gardenings der nachbarschaftlichen Produktion von Lebensmitteln zur verfügung gestellt. Großzügige Substrataufbauten als Retentionsräume sowie extensive Begrünungen unter und die Haltung von Bienenvölkern zwischen den Photovoltaikflächen senken den heat island effect und erhöhen die urbane Biodiversität.